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Semester: WiSe 2027/2028

Georg Simmel: Das individuelle Gesetz

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In diesem Bachelor-Seminar untersuchen wir zwei kontrastierende Modelle der Moralphilosophie Kants Ethik des allgemeinen Gesetzes und Simmels Konzept des individuellen Gesetzes. Ausgehend von einer analytischen Lektüre zentraler Textpassagen klären wir wie beide Denksysteme ihre moralischen Begriffe epistemologisch begründen wie sie Geltung erzeugen und welche Vorstellungen von Normativität und moralischem Wert sie voraussetzen. Dabei wird sichtbar dass Kant Moral aus formaler Vernunft ableitet während Simmel die individuelle Lebensgestalt als Quelle des Sollens versteht. Die Veranstaltung führt in die unterschiedlichen methodischen Zugänge beider Autoren ein und zeigt wie sich abstrakte Gesetzesethik und lebensprozessuale Ethik wechselseitig kritisieren und ergänzen. Studierende entwickeln so ein präzises Verständnis dafür wie Moral begründet werden kann allgemein oder individuell und wie diese Alternativen aktuelle ethische Debatten prägen.

Simmel, Georg, Das individuelle Gesetz. Ein Versuch über das Prinzip der Ethik (in: Gesamtausgabe, Bd. 12, S. 417-470; zuerst in: Logos 4, 1917, S. 117-160).


Sellars: Der Empirismus und die Philosophie des Geistes

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Wilfrid Sellars’ 1956 erschienener Aufsatz „Empiricism and the Philosophy of Mind“ markiert einen zentralen Wendepunkt in der Philosophie des Geistes und der Erkenntnistheorie des 20. Jahrhunderts. Sellars richtet sich dabei kritisch gegen die Annahmen des klassischen Empirismus – insbesondere gegen die Vorstellung, dass Wissen auf einer unmittelbaren, nicht-konzeptuellen „Gegebenheit“ (sense data) beruhe. In seiner berühmten Formulierung bezeichnet er dies als den „Mythos des Gegebenen“, der eine epistemologische Illusion erzeugt: die Idee, es gebe einen Zugang zu Wissen, der unabhängig vom inferentiellen und normativ strukturierten Raum der Gründe sei. Die Lektüre ist anspruchsvoll, da Sellars sich in analytisch präziser, aber zugleich metatheoretisch reflektierter Weise mit Grundbegriffen wie Wahrnehmung, Rechtfertigung, Selbstbewusstsein und Sprachverwendung auseinandersetzt. Ein zentrales Argument besteht darin, dass selbst scheinbar „direkte“ Wahrnehmung nur in einem Kontext möglicher inferentieller Beziehungen verstanden werden kann – also in einem Raum, in dem Gründe gegeben und verlangt werden können. Damit ist jede Form der Erkenntnis, auch der perzeptiven, bereits durch begriffliche Strukturen vermittelt. Für die Lehrveranstaltung dient dieser Text als Schlüsselstelle zur Vermittlung eines modernen, anti-fundamentalistischen Erkenntnisbegriffs. Er stellt eine kritische Alternative sowohl zum klassischen Empirismus als auch zu Cartesischen Introspektionsmodellen dar. Darüber hinaus eröffnet er einen fruchtbaren Zugang zu späteren Debatten über funktionale Rollen, normatives Inferieren und die soziale Dimension von Geist und Sprache (u. a. Brandom, McDowell).

  • Verständnis des „Mythos des Gegebenen“ und seiner Rolle in der Kritik an erkenntnistheoretischem Fundamentalismus.
  • Rekonstruktion des Unterschieds zwischen kausaler und normativer Erklärung.
  • Einführung in den Begriff des „Raums der Gründe“ als Alternative zu traditionellen empiristischen Begründungsmodellen.
  • Diskussion der Rolle von Sprache und sozialer Praxis für die Konstitution geistiger Zustände.

Sellars, Wilfried 1999 (engl. 1956): Der Empirismus und die Philosophie des Geistes. Paderborn: mentis.


Epistemic Injustice

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Gerechtigkeit ist zumeist die Frage nach einer gerechten Verteilung der Güter in einer Gesellschaft oder eine Ausdeutung der These, dass Menschen gleichwertig sind. Vielleicht ist auch unser Verhältnis zur Natur – Biodiversität, Ökosystemschutz – ungerecht. Aber „Wissen“? Wissen scheint eher „wahr“ oder „wahrscheinlich“ zu sein (oder ein Gegenteil davon) und nicht „gerecht“! Die britische Philosophin Miranda Fricker entwickelt zwei epistemische Tugenden der Gerechtigkeit: Eine des Zeugnisgebens (testimonial justice) und eine der Wissenspraxis (hermenutical justice). Ihre Überlegungen gehören in den Bereich der sozialen Epistemologie. Eine Wissenspraxis kann ungerecht sein, weil es eine Lücke in den kollektiven und institutionalisierten Interpretationsressourcen gibt, die es unwahrscheinlich machen, wichtige Aspekte sozialen Erfahrung zu verstehen und zu kommunizieren. Im Geben und zur Kenntnis Nehmen von Zeugnissen kann die Glaubwürdigkeit von problematischen Stereotypen abhängen. Man glaubt Kindern, Frauen und Schwarzen weniger bereitwillig oder anders. Erfahrungen von Rassismus, sexuellem Missbrauch, Unterdrückung durch Armut, ... können an fehlender Offenheit der Öffentlichkeit, staatlicher Institutionen und der Wissenschaft abprallen. Testimonial injustice ist eine Art Blind- oder Taubheit des Subjekts. Hermeneutical injustice ist eine Art Starrsinnigkeit in der sozialen Anerkennungsbereitschaft. Es geht also um die psychische Dimension der Erkenntnistheorie, die „Wahrheit“ und „Wissenschaft“ zu Unrecht losgelöst von individueller und sozialer Wissensakquise zu denken behauptet. Daraus ergibt sich der moralische Imperativ des Buches „Epistemic Injustice“: Die Psychologie der individuellen und sozialen Wissensakquise ist verantwortlich für epistemische Intransparenzen, die erkenntnistheoretisch artikuliert werden müssen, wenn sie zu Recht als ungerecht gelten dürfen.


Die ganze Tierethik

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Vegetarier und Tierbewegte wollen die Welt verbessern, indem sie Tiere schützen. Hierzu wollen sie Leid von Tieren vermindern (jedenfalls sofern es unnötig und menschengemacht ist). Hierzu wollen sie das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren dadurch revolutionieren, dass den Menschenrechten gleichartige Tierrechte korrespondieren. Aber auch Menschen sind Tiere und der tierethische Egalitarismus ignoriert, dass Menschen besondere Tiere sind. Er nivelliert die moralische Relevanz der Artengrenze zwischen Menschen und anderen Tieren. Das starke Argument eines Peter Singer für den artumfassenden Egalitarismus und gegen den "Speziesismus" der moralischen Tradition ist jedoch selber speziesistisch. Die Grenzen der traditionellen Tierethik müssen in der ganzen Tierethik dadurch transzendiert werden, dass (a) der tierethische Individualismus überwunden wird, (b) der Fehlschluss von der gleichen Berechtigung auf die Gleichbehandlung vermieden wird und (c) die metaphysischen Defizite der traditionellen Tierethik überwunden werden. Die ganze Tierethik beginnt daher bei einer humanen Sozialphilosophie (auch Menschen leiden tierisch), bei Tierarten (Arten sind wertvoll, leiden aber nicht) und Ökosystemen (denn menschliche und nicht-menschliche Tierarten und Tierindividuen können moralisch nur gedeutet werden in ihrem Bezug zur Umwelt). Die Forderungen der ganzen Tierethik sollen in diesem Seminar methodisch aus der Kritik der traditionellen Tierethik gewonnen werden. Tierethik wird so zur philosophisch reflektierten .

  • Es werden traditionelle Themen der Tierethik metaethisch hinterfragt (die ökonomische Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren, die Tötung von nicht-menschlichen Tieren zur Verwertung im Rahmen menschlicher Zwecke, das Quälen von Tieren im Rahmen medizinischer Forschung zum Mensch- und Tierwohl, Tierrechte, ...).
  • Es werden die metaethischen Reflexionsdefizite tierethischer Provokateure herausgearbeitet.
  • Es wird die Unkompatibilität der "ganzen Tierethik" mit den traditionell als "psychologisch" zu bezeichnenden modernen Ethiken (Deontologie, Utilitarismus) diskutiert.
  • Es werden die wertethischen Aspekte einer "Sorge" für das "gemeinsame" "Haus" reflektiert: Der Wert der Tierarten muss unabhängig vom Leiden von Tierindividuen (gleich ob es Menschen oder tierliche Nicht-Menschen sind) gedeutet werden können.

[Ein Seminarplan wird im E-Apparat zur Verfügung gestellt.]

Evaluationsergebnisse: [eva][eva][eva]